Hyperfantastische Berliner Fußballgeschichten

Victoria Friedrichshain - FSV Spandauer Kickers 75 II 4-1
Samstag, 05.04.2014 | Laskersportplatz | Friedrichshain | 9. Liga | 20-30 Zs.

Zart schickte die Sonne wärmende Vorboten des Sommers, ein Fußballspiel musste her! Fündig wurde ich unweit des Ostkreuzes auf dem Lasker-Sportplatz, wo die heimische Victoria die zweite Equipe der Spandauer Kickers zum Interzonenderby empfing. Mein Fahrrad am Geländer geparkt und auf einer der gut erhaltenen Stufen der Längsseite Platz genommen. Erschlagen wurde ich sofort vom einem achtgeschossigen Monument der sozialistischen Blockbaukunst, einer Art Plattenbau-Findling hinter dem Tor. Diesen ergrauten Ballzaun zu überschießen dürfte selbst bei einem Field Goal unmöglich sein.

Meinem Blick über die Traversen wurde zunächst nichts Überraschendes geboten: Trinkende Männer mit Sporttaschen, also Reste der zweiten Mannschaft, die später am heimischen Abendbrottisch ihrer Frau ihr stundenlanges Fehlen mit dem „geselligen Vereinsleben" erklären konnten, sowie Freaks, zu denen ich mich in diesem Moment auch zählte, die wohl keine plausible Erklärung für ihr Tun stammeln konnten.

Indes änderte sich die Szenerie nach wenigen Spielminuten, nachdem eine junge Mutter samt Bub eintrudelte und mit ihrem Äußeren einen Nebenkriegsschauplatz eröffnete. Ganz eindeutig Spielerfrau, dachte ich mir; die sind doch in jeder Liga gleich und überall ein beliebtes Fotomotiv stark bis sehr stark übergewichtiger und anormal proportionierter Groundhopper. Hier war aber heute keiner der kamerabewaffneten Zunft zu sehen – das sonst unterhaltsame Blitzlichtgewitter blieb aus, so dass ich mich schnell wieder abwendete und Unterhaltung bei den 22 Schwitzenden suchte.

Kurz vorm Halbzeitbier bekam der Sohnemann Instruktionen der Mutter, die danach das Stadion ver- und ihn zurückließ. Dem schloss ich mich nach dem Pfiff an, jedoch mit ganz anderer Intention, wie sich später herausstellen sollte.

Ich durchradelte die angrenzenden Wohngebiete auf der Suche nach dem schnellen Döner-Glück. Ich fand vieles aber kein rotierenden und mich erlösenden Fleischspieß. Gentrifizierung bedeutet eben nicht nur eine Homogenisierung der Mieter, sondern auch des Kulinarischen. Statt der Einfachheit der Schnellsättigung buhlten panasiatische Konzepte um die Gunst der nomadisierenden und bereits im Kiez sesshaft gewordenen Touristen. Mit einer großen Portion Hunger im Gepäck parkte ich wieder mein Fahrrad am Geländer. Halbzeit Zwo brachte fußballerisch keine neuen Erkenntnisse, dafür konnte das Rätsel um die verschwundene Mutter gelöst werden. Zur 80. Minute sah ich sie sich wieder dem Stadion nähern. Kurz bevor sie dieses betrat, überprüfte sie in einem Spiegel an einem geparkten Auto ihr Make up und den Sitz ihrer Kleidung. Die Spuren ihrer gelebten Frühlingsgefühle waren beseitigt, einzig ihr Lächeln offenbarte noch die Reste der Befriedigung. Nach einem flüchtigen Aufenthalt, nahm sie wieder die Hand Ihres Sohnes und schritt von dannen. König Fußball missbraucht als Babysitter für eine Spartakiade der Triebe. Ich wünschte mir den Winter zurück.