Hyperfantastische Berliner Fußballgeschichten

BSV Victoria Friedrichshain II - SV Treptow 46 2-1
Samstag, 30.08.2014 | Alt Stralau | Friedrichshain | 10. Liga | 20-30 Zs.

Mit quietschenden Reifen kam ich zwar nicht zum Stehen, aber als sportlich konnte mein Einparken schon bezeichnet werden. Kurz vor knapp stellte ich meinen Roller vor einem makaber monotonen Plattenblock, der grauer und klotziger nicht sein konnte, ab und eilte dem Eingang zum Sportplatz entgegen; Dopplerhatz. Auf dem Weg zu meinem Platz an der Seitenauslinie des engen Kunstrasenplatzes, passierte ich den Gästetrainer, der die ersten zehn Minuten einen lautstarken Monolog auf Rumänisch hielt und in den wenigen Atempausen Sonnenkerne knabberte. Das kam mir schon alles ziemlich spanisch, wenn nicht sogar rumänisch vor. Und dabei befand ich mich keinesfalls auf irgendeinem Sportplatz in der Bukowina oder Walachei – ich befand mich in Stralau. Und Stralau war bei weitem nicht Rumänien, Stralau war viel mehr eine wassernahe Renditenhäusersiedlung. Kein Haus schloss hier mit einem Dachboden ab, Penthouses bildeten die höchste Stufe der Gebäude- und Quadratmeterpreispyramide; die Baukosten des Kunstrasenplatzes waren sicherlich geringer als der Wert der kleinsten Stralauer Eigentumswohnung; Bauland kam hier eine Goldmine gleich. Und so verwunderte es nicht, dass der Sportplatz gleich hinter den Seitenauslinien abschloss; die Ersatzspieler sich außerhalb warm machen mussten.

Nach zehn Minuten ermahnte der Unparteiische den Seitenlinienkommentator und bat um Ruhe; immerhin wäre er weder Trainer noch Betreuer. Das verblüfte mich doch ein wenig. Wer beziehungsweise wo war der Treptower Trainer und wer zum Henker war der Ermahnte? Da auf der Auswechselbank nur ein einsamer Spieler rumlungerte, blieb lediglich die Variante Spielertrainer. Also schaute ich nach dem ältesten Spieler der Rothemden und identifizierte einen ergrauten Valderrama. Und wie zur Bestätigung sprach er in just diesem Moment einige beruhigende Worte in Richtung Mitspieler. Aber er war auch nicht irgendwer, er war Laszlo Kleber. Keine Angst, der pelesche-beckenbauersche Personenkult hat FIFA-Schreibtischtäter (noch) nicht dazu ermuntert einen noch begabteren Kicker aus sämtlicher Fußballliteratur entfernen zu lassen, aber eine erstaunliche Vita für die Kreisliga konnte Kleber schon vorweisen: U18-Nationalspieler der Magyaren, Jungprofi bei Ferencvaros, (Ex-)Ehemann und Manager in Personalunion der MDR-Schlager-Ikone Veronika Fischer sowie 63 Jahre Lebenserfahrung.

Eine spielende Wachablösung in den Reihen der Treptower war also zweifelsfrei von Nöten. Beim Blick auf die Treptower bzw. dem Lauschen auf ihre Kommunikation, sollte diese augen- oder ohrenscheinlich durch eine Romanisierung eingeleitet werden. Die Schlappen waren für die vier Rumänen aber zu groß; ihr Gekicke eher mitleidserregend. Da halfen auch die Anweisungen von draußen, die so energisch vorgetragen wurden, also ob der Adressat, der Treptower Stürmer Marius-Iulian Sibiceanu, von der Kreisliga in die Bundesliga gehievt werden sollte, nichts. Die Ausführungen waren sehr Kreisklassenverdächtig; bis in die Beletage des deutschen Fußballs wäre der Weg mit diesem Potenzial nicht nur steinig, sondern mit Nägel durchsetzten Glasscherben gepflastert.

Es verwunderte also nicht, dass mit der 1 zu 0 Führung in der 25ten Minute schon der Zenit des Könnens erreicht war, es fortan nur noch bergab ging. Das 1 zu 1 fiel noch vor der Pause und als in der 78ten Minute ein gewisser Marvin Diegmann sein Glück kaum selbst fassen konnte und jubelnd abdrehte, war das Verdiente eingetreten. Auch wenn der Treptower Keeper nicht ganz unpassend schimpfte: „Der kann mit dem Ball ja nicht mal gerade auslaufen, peinlich ist das!“. Was aber ebenso gut die eigene Leistung beschrieb…