Hyperfantastische Berliner Fußballgeschichten

Spandauer FC Veritas - CFC Hertha II 4-5
Freitag, 21.11.2014 | Grüngürtel KR3 | Spandau | 9. Liga | 10 Zs.

„Hochspringen, du musst einfach nur hochspringen!“. Es waren gut gemeinte Ratschläge des Gästetrainers zum eigenen Torhüter; aber auch sie konnten den Gegentreffer zum zuschauerfreundlichen 3-zu-3-Halbzeitstand nicht verhindern. Zu verdanken hatte die Reserve von CFC Hertha dieses Ergebnis eigentlich nur einem Spieler: Burak Salantur. In seiner Vita stehen beachtliche 61 Oberligaspiele und so schob er sich durch die gegnerische Abwehrreihe wie ein Panzer durch einen Jungwald. Mit Blick auf die eigene Abwehr hatte er nicht ganz Unrecht, als er während einer Trinkpause zum eigenen Trainer meinte, sie könnten zehn Tore erzielen und würden dennoch mit elf Gegentreffern verlieren.

So trotteten die Spieler in die Kabinen und ich zur gegenübergelegenen Verpflegungsstation „Imbiss zum Sieger“. Nach einem Studium der Preisliste verstand ich den Namen; hier war jeder Sieger, hier brauchte es kein Gold um glücklich zu werden: Currywurst mit Pommes für 2,50 Euro, Glühwein ein Euro – mit Schuss (und Treffer) fünfzig Cent mehr. Überhaupt gab es hier alle Heißgetränke mit Schuss; der Alkoholismus konnte hier zivilisiert kaschiert werden – wer unterstellt einem Fußballfan mit einem Mix aus frischer Vollmilch vom Bio-Bergbauer und Fair-Trade-Kakao im Becher schon Suchtprobleme?

Die Einflugschneise des Flughafens Tegel hatte bei einer Abendbegegnung wie heute ihre Vorteile. Die zur Landung runterkommenden Metallvögel verstärkten mit ihren Scheinwerfern das eher schwache Flutlicht im Drei-Minutentakt. Da wurde auch immer wieder der Polizeigebäudetrakt gegenüber und insbesondere dessen Eingangsportal samt riesigem steinernem Greifvogel in grelles Licht getaucht. Keine Frage, seine Krallen trugen vor einigen Jahrzehnten noch das obligatorische Kreuz, aber wiederverwertet werden musste damals alles; Mensch und Material.

Aus diesen Überlegungen holte mich ein Gespräch zwischen einem Zuschauer und dem Gästetrainer während der zweiten Hälfte. Der Endzwanziger rühmte sich seiner alten Tage; er wäre Zehner gewesen, zwar nicht schnell, aber dieses Manko hätte er mit viel Technik ausgeglichen. Berlin-Auswahl hat er in der Jugend auch gespielt. Die Einseitigkeit des (Vorstellungs-)Gesprächs ließ auf wenig Interesse seitens des Hertha-Trainers schließen, die derzeitige körperliche Verfassung des Traumonautens sprach aber wahrlich keine Fürworte. 

Und eigentlich brauchte er auch keine Verstärkung. Burak Salantur war stärker als seine eigene Abwehr, mit 5:4 behielten die Herthaner die Oberhand. Während die Veritas-Spieler nach Spielende klar den Schiedsrichter als Schuldigen identifizierten, haderte einer der Sieger eher mit der Ansetzung: „Ich habe noch zehn Promille drinnen, wie kann man Freitag Fußball spielen?“. Da endete das Freitagsgebet wohl feuchtfröhlich. Zum Schluss kam zufrieden der Gästetrainer des Weges. Alles richtig gemacht; Ratschläge erteilt, den richtigen Mann spielen lassen und nicht in Versuchung gekommen, das Mannschaftsgefüge zu stören.

Fast alles richtig gemacht, denn der Berliner Fußballverband wertete das Spiel ein paar Wochen später mit 0 zu 6.