Hyperfantastische Berliner Fußballgeschichten

FC Spandau 06 III - FC Concordia Wilhelmsruh 1895 III 2:4 
Samstag, 09.05.2015 | Sandheidenweg | Spandau | 14. Liga | 4 Zs.

Stolze 21 Kilometer trennen meine Wohnung vom Sportplatz Sandheidenweg in Spandau. Aber mit meinem Roller und seiner wahnsinnigen Maximalgeschwindigkeit von 45 km/h sollten diese 21 Kilometer in einer gemütlichen halben Stunde zu bewältigen sein. Also schenkte ich mir noch einmal Kaffee nach und zog das Frühstück genüsslich in die Länge.

Selbstredend war ich kurz nach Abfahrt höher getourt als der Roller, auf 180 in unter zehn Sekunden – Koffein ist das bessere Benzin. Meine Ausgangsrechnung war wie immer in der Wissenschaft: rein theoretisch und auf einer Optimalsituation beruhend, mit Ausblenden jeglicher Umwelteinflüsse. Und mit diesen – vor allem mit der völlig unberechenbaren Variante: andere Verkehrsteilnehmern – hatte ich auf den 21 Kilometern mehr als genug zu tun. Zu kämpfen. Nicht verwunderlich also, dass ich die Punktlandung trotz mehrfacher Nichtbeachtung der StVO verpasste. Aber Dank akademischen Viertels und der damit einhergehenden Elastizität der Wissenschaft, war der Beweis gelungen; die Rechnung aufgegangen. So irgendwie…

Kaum am Platz, begann ich bereits mit der nächsten Denkaufgabe: Habe ich Ähnlichkeit mit einem Spandauer Ersatzmann, der anscheinend sehnlichst erwartet wurde? Die Ähnlichkeit mit diesem Leimener Besenkammercasanova ist mir leidvoll bewusst, aber mit einem Vierzehntligaspieler!? Die Ursache meiner Überlegungen war das Heraus-, das mir Entgegeneilen eines Spielers der Spandauer direkt nach meiner Ankunft. Bevor ich aber in die Bredouille geriet, zu erklären, dass ich nicht der bin, für den sie mich zu halten schienen, erkannte ich den wahren Grund für das frühe Platzverlassen: Infantile Bockigkeit! „Sören! Sören, nun hör doch mal auf!“ rief ein Mitspieler hinterher, aber der Angesprochene würdigte weder ihm noch der Mannschaft einen Blick, zog sich stattdessen mit viel Tamtam das Trikot aus und ging unter wutentbrannten Flüchen in Richtung Kabine.

Der Bock war also erst einmal weg, hätte aber auch nicht zum Gärtner gemacht werden können – die Spieler duellierten sich heute auf einem künstlichen Rasen, der ausbautechnisch immerhin über ein abgrenzendes Staket verfügte. Eingebettet war das falsche Grün zwischen Oberschule, Tennisplätzen und der Havel. Und einzig die Letztgenannte rettete Spandau irgendwie vor dem Marzahn-Sein; beim Blick auf die drei anderen Zuschauer allerdings auch nur landschaftlich…

Ob es nun der Schönheit der Havel geschuldet oder einfach nur vernunftbedingte Einsicht war, kann ich nicht beurteilen; Fakt war, dass Sören Mitte der ersten Hälfte wieder auf den Platz zurückkam. Die aufmunternden Worte seiner Mitspieler waren kaum verklungen, da bewies er allerdings schon wieder, dass es mit Vernunft und Einsicht doch nicht gut bestellt war bei ihm und er begann wieder mit seinem unerträglichen Diskutieren und Lamentieren. Der Gegner stieg freudig mit ein und die überforderte Schiedsrichterin zeigte ihnen wegen Beleidigung einmal Gelb und einmal Rot. Trotz dieser Unterzahl konnten die Concorden das Spiel noch drehen, erzielten nicht nur den Ausgleich, sondern zogen auf 4 zu 1 davon. In einem seiner wenigen lichten Momenten verkürzte Sören noch auf 2 zu 4. Für mehr sollte es gerechterweise aber nicht mehr reichen.

21 Kilometer später, vor dem heimischen Rechner, erbrachte mein Stalking meine Recherche, dass es sich bei Sörens Facebookprofil um eine Blaupause für jeden Kreisligafußballer handelt. Spitzname: „Schweini“ – Musik: Enrique Iglesias und Usher – Fernsehen: „Two and a Half Men“ – Spiele: GTA und FIFA – Sonstiges: Bud Spencer und Mario Barth. So gesehen also völlig die Norm und deshalb wissenschaftlich absolut uninteressant. Wenn man kein Verhaltensforscher ist…