Interview mit kölsch live 2008

„Nicht nur der Körper muss widerstandsfähig sein...“ 

Bastian Hoyer unterhielt sich mit Ex-Groundhopper Martin Czikowski 

Als das Herz seines Vereins – dem Greifswalder SC – aufhörte zu schlagen, zog er in die weite Welt des Fußballs hinaus. Nach nunmehr 768 Spielen in 45 Ländern hat er sich inzwischen zur Ruhe gesetzt. Einige Male kreuzten sich irgendwo in Europa auch die Wege der beiden Interviewpartner. In kölsch live blickt Martin noch einmal zurück – ohne Wehmut und mit zwei lachenden Augen. 

kl: Martin, Deine letzte Tour führte Dich bis nach China. Wie war es?

M.C.: Um ehrlich zu sein, ich kann es nicht komprimiert in wenigen Sätzen wiedergeben. Zu viel passierte in den zweieinhalb Monaten. Ein Wort, welches eine Menge abdeckt, ist sicherlich: lehrreich. (Eine Reise dorthin, wo der Osten schon wieder Westen ist. 100 S.; 3,33 Euro inkl. Porto unter heft@soccerweb.de, d. Red.)

kl: Können solche Touren über den Verlust des eigenen Vereins hinwegtrösten?

M.C.: Auf gar keinen Fall. Die Sache an sich, der Sport auf dem grünen Rasen, bleibt die gleiche. Aber selbst wenn auf den Rängen ein frenetischer Gesang den nächsten jagt, wenn auf dem Rasen ein Thriller zelebriert wird, so fehlen doch die eigenen Emotionen. Es spielt sich alles aus der neutralen Beobachterperspektive ab. Wie wünsche ich mir meine rot-weiße GSC-Vereinsbrille zurück! Fußball ohne eigenen Verein ist wie die Ostsee ohne Wind – eine kalkulierbare Angelegenheit.

kl: Hast Du noch Ziele und wenn ja, wohin soll es noch gehen?

M.C.: Nein. Sicher, wenn ich Fußballbilder aus Südamerika sehe, wenn ich ferne Naturschönheiten erblicke, dann möchte ich am liebsten den Rucksack packen und los. Eigentlich bedarf es nur eines Zuges und ich bekomme Fernweh, aber die Strapazen der letzten Jahre haben mich müde gemacht, von der Verantwortung meinem eigenen Leben gegenüber ganz zu schweigen. Manchmal rappele ich mich auf, aber spätestens wenn ich am Ziel bin, ist alles weg und ich wünsche mir nichts lieber als die Heimat. Vorgenommen habe ich mir dennoch meine persönliche Liste an Partien, die mich noch reizen, abzuarbeiten. Dann aber nur ins Auto setzen, Spiel anschauen und wieder zurück.

kl: Wenn Du Dich auf drei Partien festlegen müsstest, welche wären das?

M.C.: Zagreb gegen Split und die jeweiligen Derbys in Genua und Stockholm. Natürlich sollte dann die sportliche Konstellation stimmen.

kl: Viele Leser werden sich fragen, wie Du diese oftmals sehr weiten, langen und daher möglicherweise auch äußerst kostspieligen Trips finanziert hast?

M.C.: Kostspielig ist aus meiner Sicht ein sehr relativer Begriff. Nehmen wir einmal die Chinatour. Fahrt-, Lebens- und Visumskosten beliefen sich auf insgesamt 2.500 Euro. Das klingt zuerst enorm und ist auch für einen Studenten viel. Rechne ich allerdings die Entfernung und die Reisedauer von 73 Tagen gegen, ist der Preis fast lächerlich. Der Input erfolgte natürlich übers Arbeiten.

kl: Worin liegt der Reiz an solchen Touren, für die Du große Mühen auf Dich genommen hast?

M.C.: Sicherlich waren die Strapazen immens. Nicht nur der Körper muss widerstandsfähig sein, auch das Nervenkostüm sollte Castordicke haben. Der Reiz ist nicht das Ziel, sondern der Weg. Das Erlebte auf solch einer Tour über den Landweg und mit Umwegen ist unbezahlbar und bringt mich persönlich weiter. Mir ging es nicht nur darum ein Spiel in irgendeinem Land zu sehen, sondern vor allem auch etwas von dem Land zu Gesicht zu bekommen, um vergleichen zu können und auf das eigene Leben zu reflektieren. Das wäre mir mit einem Airport-Länderpunkt nicht gelungen. Dies ist natürlich aber auch eine Zeitfrage. Zeit, die ich dafür leider nicht mehr besitze.

kl: Somit würdest Du Zeit als den wichtigeren Faktor im Vergleich zu Geld bezeichnen?

M.C.: Zeit kann man sich nun mal schwer kaufen. Wer sie allerdings hat, kann unter Umständen bei den Reisekosten sparen.

kl: Warst Du meist alleine unterwegs, oder hast Du immer mindestens einen Kompagnon dabei gehabt? 

M.C.: Größtenteils bin ich alleine gefahren. Ein Vorteil in meinen Augen ist sicherlich die Unabhängigkeit. Ich war dann nur mir selbst gegenüber Rechenschaft schuldig. Ging es mir schlecht konnte ich es langsamer angehen lassen oder mal einen unkonventionellen Schlafplatz aufsuchen und bin nicht der Laune eines anderen ausgeliefert gewesen. Manchmal fehlte aber trotzdem jemand, mit dem man über das Erlebte reden konnte. Erlebnisse zu teilen ist in manchen Situationen sehr wichtig. Trotz alledem würde ich immer noch alleine losziehen.

kl: Wie sah solch ein Schlafplatz konkret aus?

M.C.: Nun ja, die Variationen reichen von der traditionellen, hölzernen, polnischen Bahnhofsbank über die überdachten Traversen eines Stadions bis hin zum Straßengraben. Wenn die Müdigkeit kam oder es sinnlos erschien noch weiter zu ziehen, ließ ich mich halt nieder. Von daher gab es nicht den Schlafplatz beziehungsweise keinen konkreten. Es war immer situationsbedingt.

kl: Wohin führte Dich Deine bislang beste Tour? Welches Land hast Du durch Deine Reisen besonders ins Herz geschlossen?

M.C.: Da möchte ich jetzt keine Tour wie einen Pokal emporrecken. Alle Touren hatten, mit dem nötigen Abstand betrachtet, Höhe- und Tiefpunkte. Die Gesamtheit lehrte mich Erfahrungen, von denen ich hoffentlich mein Leben lang zehren kann. Ein Land, welches mir besonders ans Herz gewachsen ist, ist die Ukraine. Es ist immer wieder toll für mich gewesen die blau-gelbe Flagge auf einem Grenzgebäude zu sehen.

kl: Was für Erinnerungen löst speziell der Anblick dieser Fahne aus? 

M.C.: Als allererstes ist da die unglaubliche Weite dieses Landes, die durch den Zustand der Straßen und der sehr gemächlichen Geschwindigkeit der Züge subjektiv gen unendlich reicht. Die Bodenständigkeit der dort lebenden einfachen Bevölkerung und der krasse Gegensatz zwischen arm und reich, den man ungefiltert wahrnimmt. Dann ist da auch die Vielschichtigkeit der Landschaft: langgezogene Schwarzmeerstrände, die dichtbewaldeten Berge der Karpaten und endlose Kornfelder neben den Schienen. Irgendwie ist auch alles größer und breiter – Bordsteine, Straßen, Lokomotiven, Flüsse. Es scheint alles eine Maßeinheit größer gestaltet zu sein.

kl: Was trieb Dich zu derartigen Unternehmungen, der Fußball als solches wird es vermutlich nicht ausschließlich gewesen sein?

M.C.: Nein, natürlich nicht. Im Falle einer Wochenendausfahrt, wenn ich wusste in der Stadt X ist das Spiel X vs. Y, dann bin ich schlicht nur deswegen dahin gefahren. Aber eine Tour ist in meinen Augen kein Wochenende. Eine Tour erstreckt sich über einen größeren Zeitraum. Und dann trieb mich der Weg. Der Reiz des Weges zum Ziel war der Grund, wieso ich mich überhaupt aufraffte.

kl: Was macht für Dich die Faszination am Groundhopping aus?

M.C.: Die Faszination liegt für mich in der facettenreichen Ausprägung, die der Groundhopper rund um das Fußballfeld vorfinden kann. Ob überdimensionierte Betonschüssel im ehemaligen Ostblock, oder innerstädtische Anlage mit einer morschen Holztribüne in England. Ekstatische Mobs, entspannte Familienatmosphäre oder Sonnenblumenkerne vertilgende Rentner. Das, was unseren Sport ausmacht, divergiert von Land zu Land, von Ort zu Ort und manchmal sogar von Stadtviertel zu Stadtviertel. Für mich ist diese Komplexität der Hauptreiz, der auf mich so eine magische Anziehungskraft ausübt. Erwähnen muss ich im selben Atemzug natürlich auch, dass die unaufhaltsam fortschreitende Globalisierung auch eine Angleichung der jeweiligen Begebenheiten, insbesondere der Architektur an die, als für allgemein betrachteten Standards, nach sich zieht. Teilweise ist heutzutage die Beurteilung schon schwierig, unter Ausschließung von Sprache und Umgebung, in welchem Land man sich ein Spiel angeschaut hat. Warst Du in Kielce, warst Du in Wolfsburg, warst Du in Middlesbrough.

kl: Wie betrachtest Du die zahlreichen Leute, denen es primär nur noch um das Abhaken von Stadien und Länderpunkten geht?

M.C.: Abgewinnen kann ich dieser Einstellung eigentlich nichts, denn ich finde es bedauernswert, wenn man sich über Länderpunkte definiert. Die Generation „Billigflieger“ vertut meiner Meinung nach eine große Chance, die ihr im Grunde geboten wird: Nie zuvor war es so leicht und kostengünstig mit anderen Gesellschaften in Kontakt zu kommen, Neues zu entdecken und vor allem den eigenen Horizont zu erweitern. Oftmals bleibt als Erinnerung jedoch nur ein Foto, geschossen aus dem fahrenden Taxi vom Flughafen zum Stadion. Fußball, so ist mein Standpunkt, sollte ein Nebenprodukt sein. Reisen bildet, Abenteuer befriedigt und der Fußball rundet ab. Diese Erkenntnis erwarb ich allerdings auch erst im Laufe der Zeit.

kl: Würdest Du Dich heutzutage abermals für dieses etwas andere Hobby entscheiden?

M.C.: Ja, ich würde mich nochmals dafür entscheiden und denselben lehrreichen und steinigen Pfad betreten, den ich gegangen bin. Nur über die Selbstreflexion der eigenen Fehler, aber auch der Triumphe reift die eigene Persönlichkeit in Bezug auf die Wahrnehmung der Geschehnisse. Für mein Leben haben mich meine Reisen mehr gefördert und gelehrt als jeder Studiengang es jemals vermögen wird.

kl: Vielen Dank für das Gespräch und alles Gute für die Zukunft!

(kölsch live Nr. 67, S. 38-41)