Interview mit Ya Basta! 2014

Ein anderer Blick auf den Alltag

Da erscheint zehn Monate keine reguläre Ya Basta! und schon sind manche Themen durch oder uninteressant. So ging es uns häufig beim Erstellen dieser Ausgabe. Im Falle von Martin Czikowski (aka Ted Striker) und seinem Heft „Im Norden des Südens“, immerhin schon ein dreiviertel Jahr erhältlich, machen wir dabei gerne eine Ausnahme. Bereits durch „Eine Reise dorthin wo der Osten schon wieder Westen ist“ wurde Czikowski deutschlandweit bekannt. 2007 reiste er auf dem Landweg von Greifswald einmal quer über den Kontinent bis nach China. Sein treuer Begleiter: König Fußball.

Die Erinnerungen an diesen Trip hielt er für die Nachwelt fest. Und bekam dafür durchgehend Lob. Im Herbst 2013 erschien schließlich „Im Norden des Südens“. Dieses Mal im Fokus der Tour: das nördliche Südamerika. Grund genug Martin einmal selbst zu Wort kommen zu lassen. Denn inzwischen ist vieles über seine Reisen (meist alleine, fast durchgehend mit Bus oder Bahn), aber eher wenig über seine Person bekannt.

Martin, bekannt wurdest du vor vor allem durch deinen Eurasien- Trip, „Eine Reise dorthin wo der Osten schon wieder Westen ist“. Von Greifswald bis an den Pazifik und zurück, das alles auf dem Landweg. Wie kamst du damals überhaupt auf die Idee und war dir von Anfang an klar, dass du das in dieser Form für die Nachwelt erhalten willst?

Die Idee zu der Reise kam nicht über Nacht, sie beruhte vielmehr auf Erfahrungen. Mit den Jahren wagte ich mich immer weiter gen Osten und lernte zu unterscheiden zwischen dem Bild das gewisse Länder in unseren Breiten besitzen und dem Bild was sich mir bot. Da mich der Kaukasus auf einer Reise davor schon faszinierte, wollte ich noch tiefer in die ehemalige Sowjetunion eindringen und das am liebsten per Bahn. Bahnfahren ist meine Leidenschaft, daher bot sich bei der dortigen Infrastruktur der Landweg förmlich an. Und wenn ich schon Zentralasien ansteuerte, durfte es China auch noch sein. Zum Glück grenzt China im Osten ans Meer, sonst wäre ich wohl heute noch unterwegs.

Dass ich meine Erlebnisse (vor allem für mich) erhalten wollte, war von Anfang an geplant. Mein Tagebuch war mein treuster Begleiter. Mit so viel positiver Resonanz auf die Veröffentlichung habe ich dann aber nicht gerechnet.

Bereits vor dieser Tour warst du ja ordentlich unterwegs. Wie waren denn deine Anfänge als Fußballreisender?

Die Anfänge waren bescheiden: ein verlängertes Wochenende reiste ich nach England, dem Sehnsuchtsland meiner Jugend und schaute dort paar Spiele, ohne überhaupt zu wissen, dass es dafür sogar einen Begriff gab: Groundhopping. Nebenbei fuhr ich bis zum Fortgang vom Bökelberg auswärts mit meinem Nachwendeflirt Mönchengladbach, bis ich mich meiner Wurzeln besann und meine Kinderliebe intensiv neu aufleben ließ: Mit dem Greifswalder SC ging es durch die Oberliga Nordost, hinzu kamen Abstecher in die Nachbarländer und nach der Insolvenz meines Heimvereins gab es kein Halten mehr, die Wochenenden waren nun alle frei.

Bei deinen Touren fällt im Gegensatz zu anderen Schreibern auf, dass für dich die Eindrücke der Reise – sprich Land und Leute – eher im Vordergrund stehen als die zwanghafte Jagd nach dem nächsten Ground. Siehst du dich somit überhaupt als Groundhopper? Und welchen Stellenwert hat der Fußball auf deinen Reisen?

Seitdem ich nicht mehr meine Stadien zähle, sehe ich mich nicht mehr als Groundhopper, sondern als Fußballreisenden... Spaß beiseite! - Klar kann ich als Groundhopper bezeichnet werden, vielleicht aber mit einer anderen Ausprägung. Ich Reise um zu erleben und erleben kann ich nur, wenn ich mich mit offenen Augen durch die Welt bewege.

Die Erkenntnisse und Begebenheiten, die ich in meinen Texten wiedergebe, beruhen darauf und sicherlich auf der Tatsache, dass ich große Reisen alleine bewerkstellige. Von daher bin ich ja schon gezwungen mich intensiv mit meiner Umgebung auseinanderzusetzen. Wenn ich nur Bestandteil einer enthemmten und grölenden Meute wäre, die ihr Verhalten überallhin projiziert, würde ich nur Quark niederschreiben. Fußball besitzt für mich immer einen hohen Stellenwert und öffnet meist Türen zu unbekannten Kulturen, die sonst verschlossen bleiben würden. Somit ist Fußball auf jeder Reise gesetzt. Vielleicht weder in der Masse, noch in der Klasse, geschweige denn im Anspruch auf Neider in Groundhopperkreisen, dafür oftmals mit der Sicherheit die einzigen käseweißen Beine im Stadion zu haben.

Dennoch hast du natürlich schon eine Menge Grounds, Fanszenen und unterschiedliche Support-Stile gesehen. Gab es ein Land oder eine Szene, dass dir dabei ganz besonders gefallen hat?

Ohne Wenn und Aber, ganz klar Fürth, direkt dahinter die Bayern...(lacht) Nein, also da fällt mir eine Einschätzung schwer. Dieses Denken, dass im Ausland alles besser sei, teile ich nicht. Die Szenen unterscheiden sich auf unserem Kontinent, trotz der häufigen namentlichen Gemeinsamkeit „Ultras“, vielfältig. Was dort gut ist, ist hier schlecht. Dafür sind hier Sachen gut, die dort schlecht sind und der größte Faktor bleibt der Spielverlauf.

Ich denke, auch mit Rückblick auf meine „Fan-Karriere“, wichtig sind die Authentizität und Intensivität. Egal ob Du mit 5 oder 5.000 Leidensgenossen in der Kurve stehst. Und das spürt auch der neutrale Besucher.

Deine Reisen haben etwas Exotisches an sich. Im aktuellen Heft etwa Venezuela, Kolumbien und Guyana. Nach welchem Schema wählst du deine Zielländer aus und auf welche Region dürfen wir uns in deinem nächsten Heft freuen?

Die Bestimmung des Ziels der letzten Reise war eher pragmatisch – der Preis ist heiß, da musste ich bei Venezuela zuschlagen. Und da die nördlichen Länder Südamerikas in der Reise- und Fußballliteratur eher stiefmütterlich behandelt werden, war für mich klar, ich bleibe in der Region. Das „eher Unbekannte“ wird bei mir wohl immer den Zuschlag bekommen. Ansonsten wechseln die Ziele mit den Lebensabschnitten: Als Student mit langen Sommerferien nutze ich primär diese Zeit, um für den kleinen Geldbeutel Neues zu entdecken. Nun als Büro-Malocher favorisiere ich unseren Winter, um am Jahresende auf zwei Sommer gekommen zu sein. Ob es allerdings noch zu einem Heft über eine einzelne Tour kommt, wage ich zu bezweifeln. Alle vier Himmelsrichtungen sind in Titelnamen verbaut. Ich könnte mit oben und unten weitermachen – aber ob ich in den Himmel oder die Hölle komme liegt nicht in meiner Hand – obgleich ich da eine eindeutige Tendenz erkenne…

Zudem ist der Bürostuhl nicht mehr so flexibel wie noch vor zwei Jahren, presst mich in das Lebensgefüge von Max Mustermann. Die Exotik des Reisens wird es weiterhin geben, aber am Ende nur noch mit Erinnerungen für meinen Kopf. Teilhaben lasse ich den Leser vielleicht an der wunderbaren Welt des Berliner Amateurfußballs. Kleine Geschichten fernab der großen Bühnen. Wie, wann und wo entscheidet aber die Motivation.

Du begibst dich hierbei in Ecken, in die der Otto-Normal-Tourist eher nicht fahren wird. Gerade ein Land wie Venezuela ist extrem von Kriminalität gebeutelt. Andere Länder wie Usbekistan, das du bei der Eurasien-Tour besucht hast, gelten als sehr korrupt. Gibt es Länder oder Regionen, von denen du anderen Reisenden aufgrund deiner Erfahrungen abraten würdest?

Vor dem Reisen und Entdecken würde ich nie abraten. Abgezogen werden kannst du auch vor der Haustür. Vielleicht hatte ich bisher nur Glück von extrem negativen Erfahrungen verschont worden zu sein, aber ein Stückweit kann es auch gesteuert werden. Dazu gehören ganz klar Verhaltensregeln: der Respekt vor der fremden Kultur und das gleichzeitige Akzeptieren, dass das Übertragen von gefühlter Normalität in die Fremde nicht funktioniert. Es ist manchmal befremdlich zu lesen, wenn Leute ins Ausland reisen und sich dann über die dortigen Verhältnisse beschweren, mit dem sinnlosen Hinweis, bei uns sei es besser.

Kommen wir mal zur Vorbereitung solcher Trips. Dass man Touren wie deine nicht ohne Vorbereitung beginnt ist selbstverständlich. Beim Lese n merkt man allerdings, dass du häufig auch ganz spontan reagierst und umdisponierst. Wie viel Zeit nimmst du dir im Vorfeld so einer Tour, wie zum Beispiel der durch Südamerika, um zu planen und zu organisieren?

Das ist eine interessante Frage, sehe ich bei mir, wie Du schon erwähnst hast, zwei Persönlichkeiten. Ist es das Alter, ist es das Umfeld? Manchmal stehe ich kurz vor der Selbstohrfeige, wenn der Chaot in mir wieder erstarkt und sieht was der Sicherheitsfanatiker organisiert hat. Da werden Unterkünfte weit vorher gebucht, muss die Abfahrtszeit der Stadtbuslinie feststehen, um mit Beruhigung abzufahren. Ich denke Sicherheit ist menschlich, sie ist einfach beruhigend, presst aber zugleich in eine Schablone, in der wir schon unseren Alltag verleben. Dann bin ich eben froh, wenn der Chaot kommt und alles über den Haufen wirft, mir wieder meine Freiheit gibt. Einen Monat hat die Planung für Südamerika schon gedauert, der ständige Abgleich der Spielpläne mit der Fahrtroute, das frisst Zeit. Und am Ende wusste ich trotzdem nicht wann wer in Guyana oder Barbados spielt. Glück gehört auch dazu.

Bei meiner letzten Reise durch Teile von Mittelamerika  war ich mehr als angespannt: Alle Anzeichen standen auf Saisonende in Belize, zumindest für die Ligen, die im Internet zu recherchieren waren. Und dann bekam ich vor Ort eine Zeitung in die Hand und sah, dass regionale Meisterschaftsspiele genau dort stattfinden sollten, wo ich eh durchmusste. Solche Situationen lassen den Sicherheitsfanatiker nach Luft ringen, der Chaot hingegen ist befriedigt und beruft sich darauf, dass es früher an den Rändern der „westlichen Zivilisation“ meist nur so zuging. Bedingt auch dadurch, dass überhaupt keine Hinweise im Netz oder gedruckt existierten. Heutzutage unvorstellbar, vor 10, 15 Jahren noch Realität. Das sorgte aber dafür, dass die Berichte über die Prise Abenteuer verfügten, welche die Informationsflut heute neutralisiert.

Wenn du so auf deine Reisen zurückblickst, gibt es da dann ein Erlebnis, dass dich vielleicht ganz besonders geprägt hat? Positiv wie negativ.

Da die Erlebnisse oft mit Menschen verbunden sind, möchte ich nicht sortieren. Alle Erfahrungen prägen mich, ob ich nun will oder nicht. Das eigene Handeln ist nur das Produkt der Umwelteinflüsse. Zusammenfassend kann ich sagen, dass die gesammelten Erlebnisse einen anderen Blick auf den Alltag zulassen. Ich habe Ruhe gewonnen und kann differenzieren zwischen Wichtig und Unwichtig, zwischen Muss und Kann. Somit war das Erlebnis mit der relevantesten Prägung sicherlich die Entscheidung zu Reisen.

Ob nun 500 km oder 5.000 km weit, Veränderungen wirken inspirierend und die Chance, die sich uns durch Geburt im kuscheligen Europa bietet – relativ problemlos Grenzen zu überschreiten - sollte ein jeder nutzen.

(Ya Basta! Nr. 40, S. 88-90)