Englische Woche in der 5. Liga des Regionalverbands Liberec. Für Lifestyle-Teilzeit-Malocher wie mich ein gefundenes Fressen. Ob aber letztlich wirklich ich die Zielgruppe für diese Ansetzung gewesen bin oder vielleicht doch asiatische Wettbüros unter der Woche bedient werden sollte, ist umstritten. Unumstritten war hingegen mein Ziel: Višňová.
Da der direkte Weg zu einfach und beim professionellen Groundcycling ohnehin verpönt ist, plante ich ab Zittau eine Bergetappe durch das Lausitzer Bergland bis nach Višňová ein, inklusive finalem Ausrollen zum Bahnhof nach Krzewina Zgorzelecka oder Hagenwerder: 130 Kilometer, 1.400 Höhenmeter – bei der Tour der France bestenfalls eine hügelige Etappe mit einem Punkt fürs Bergtrikot, für einen Normalo aber doch schon Kategorie „Muss man wollen.“
Die Ankunftszeit im Ziel war identisch mit der Anstoßzeit, die benötigte Durchschnittsgeschwindigkeit ergab sich hingegen aus der gewählten Bahnverbindung abzüglich Mittagspause. Um elf Uhr ging es schließlich in Zittau los, das langgezogene Bertsdorf und Waltersdorf mit seinen historischen Ortskernen durchquerend, stand ich kurze Zeit später bereits an der Grenze zu Tschechien, drei Feldsteine und zwei Hinweisschilder markierten den Übergang von Peter zu Jiří. Die Straßen wurden fortan enger, der Asphalt rauer. Hätten meine Augen nur die granatapfelroten Früchte der zahllosen Apfelbäume fixiert, hätte es in einem mediterranen Tagtraum enden können. Aber spätestens die traditionellen Umgebindehäuser an den Straßenrändern der durchquerten Dörfer holten mich ins tschechische Hier und Jetzt zurück. Neben dem Wetter, den Menschen und einem penetranten, schrillen Ton. Was war denn hier plötzlich los; stand ich einem Wüterich im Weg? Hatte ich etwas verpasst; erfolgte hier gerade eine Generalmobilmachung? Die Grenze sah doch wenige Minuten zuvor noch so friedlich aus. Aber wer wusste schon, welche alten Konflikte – Blutfehden! – nie befriedet oder mediiert wurden. Standen sich die Einwohner von Dolní Podluží und Waltersdorf möglicherweise feindselig gegenüber, brannte die Zündschnur lichterloh? Die Antwort war, wie so oft, anders, viel trivialer: Es war der erste Mittwoch des Monats, die Tschechen testeten ihre Warnsysteme und schauten, ob die Dorflautsprecher noch funktionieren. Falls die Waltersdorfer kommen…
Durch die Wälder mit einsetzender Herbststimmung ging es keuchend auf einen Gebirgsrücken. Oben warteten aber keine jubelnden Menschentrauben oder der eine Punkt für die Bergwertung auf mich, sondern nur der freudige Gedanke daran, dass es nicht mehr weit zur Mittagsrast ist.
Cvikov bekam hierfür den Zuschlag. Wie die Aussprache es schon verrät, handelt es sich hier um ein Zwickau, Zwickau in Böhmen. Vermutlich postulieren Bewohner beide Städte im einzig wahren Zwickau zu leben, ein jahrhundertealter Glaubensstreit. Gegen die Sachsen spricht, dass die hiesige Brauerei ihre Braukunst nicht nach einer paradiesischen Urlaubsdestination im Indischen Ozean benamen muss; hier reicht Geschmack und Qualität als Werbebotschaften. Auf der Terrasse des Braugasthauses lächelte zufrieden, wie ein Säugling nach einem Furz, ein Radlerkollege. Der Grund lag vor ihm, der nackte Knochen einer Haxe, dazu ein fast leeres Bierglas. Vielleicht – wahrscheinlich sogar – nicht das Erste! Sein eng anliegendes Radlertrikot konnte auch seine Haxen-Lebensleistung weder verbergen noch einspannen; prächtig wölbte sich sein Wohlstandsbauch gegen den Tisch. Der Gewichtsvorteil, den ihm sein höherklassiges Rad bot, war nivelliert.
Die Fassbierauswahl war erregend und ernüchternd zugleich. Auch wenn Teufel links lautstark das Probieren aller Biersorten einforderte, wies mich Engel rechts eindringlich darauf hin, dass ich die Bodenhaftung jetzt und später nicht verlieren durfte. So gab es nur ein „Klíč 12°“ zu den Ochsenbäckchen. Probleme bereitete mir im Anschluss dann allerdings das nachgereichte Schokomousse, dass schwer wie ein Findling in meinem Magen lag, als es wieder auf den Sattel ging. Durchhalten, ich musste jetzt durchhalten; irgendwann würde das Kotzgefühl nachlassen und die Kalorien ihre Energiewirkung entfalten. Nach einigen Kilometern verließ ich die Hochebene in Richtung Bílý Kostel nad Nisou und fuhr von dort entlang der Lausitzer Neiße weiter. Am Markt in Chrastava folgte ein Softeisstopp. Kritisch von einem gut gebräunten Tschechen aus seinem weit geöffneten Fenster beäugt und gemustert, inspizierte ich die Einzelhandelsopulenz des historischen Zentrums. Die Fachgeschäftsquote war minimal, die Kollektion im Schaufenster des ostasiatischen Modeausstatters erinnerte an das unerfreuliche Uncle Sam-Sortiment Ende der 90er Jahre. Aber gut, was weiß ich schon, ich bin kein Modeblogger, vielleicht ist das mittlerweile wieder der neuste Schrei. Direktemang vom Markt aus ging es mit einem erfreulichen Vanillegeschmack im Mund in den letzten Anstieg. Konstant acht Kilometer bergauf, bevor es etwas ebener wurde und ich die Kraft und Laune hatte, den Kopf zu drehen. Im Süden erfreute mich die idyllische Natur des Isergebirges; nördlich stiegen die Rauchwolken des Kohlekraftwerks Turów empor. Freude und Leid liegen oft dicht beieinander. Mit voller Konzentration ging es nun auf die rasante Abfahrt ins Tal. Bei den erreichten Geschwindigkeiten war es von vornherein klar, dass ich die richtige Abfahrt verpassen werde. Der kurze Geschwindigkeitsrausch war jedoch wertiger als die Qualen des kleinen Umwegs danach. Elf Kilometer vor dem Ziel verpasste ich mir noch eine schnelle Reinigung in einem Fischtümpel. Lieber Fischgestank als Schweißgeruch – Vorpommern sind die weltbesten Parfümeure.
02. September 2026 | TJ Jiskra Višňová – FC Lomnice nad Popelkou | 2-5 | 5. Liga Tschechien
Ankunft zum Anpfiff; ich liebe es, wenn ein Plan funktioniert. Der nördlichste Teilnehmer der 5. Liga Liberecký kraj gegen den südlichsten Teilnehmer. Auf einem Mittwochabend. Mir sollte es recht sein. Schnell stand es null zu drei. Nach einem zwischenzeitlichen kurzen Aufbäumen mussten sich die Gastgeber letztlich aber doch mit 2 zu 5 geschlagen geben. Aber am Ende kann es in Tschechien gar keine Verlierer geben. Das Bierangebot macht alle zu Gewinnern. Vielfältiger kann die Kehle nicht gekühlt oder die Sucht befriedigt werden – im hiesigen Dreiländereck verschwimmen die Grenzen.
Auch ich erlag dem Angebot, musste aber noch weiter. Dem Sonnenuntergang entgegen ging es mit verlangsamter Reaktion und dünnen Rennradreifen über Stock und Stein von Tschechien nach Polen. Die deutsche Regiobahn-Linie Zittau – Görlitz besitzt dank der dem Bahnstreckenbau nachgelagerten Grenzziehungen einen Bahnhof auf polnischem Staatsgebiet. Seit 1945 müssen die Einwohner von Ostritz vor der Bahnfahrt daher immer erst ihr Land verlassen und auf die andere Flussseite wechseln. So machte ich es jetzt auch, wechselte die Flussseite jedoch in die andere Richtung. Die Dämmerung war nun schon fortgeschritten aber Hagenwerder nah. Mein vernebeltes Hirn fand noch Kraftreserven – ich klickte mich wieder in die Pedale und entschwand zwischen Tag und Nacht.
