22. Mai 2026 // Weltrekord im Groundhiking

Mein Pfingstwochenende startete um 6 Uhr mit ein paar Stunden Rail-Office im Zug gen Süd-Osten. Die erste Durchsage des Tages war niederschmetternd: Die Mitropa im Railjet blieb wegen fehlenden Personals geschlossen. Verzweifelt blickte ich auf meine kleine Banane und noch kleineren Smoothie. Ein Überleben auf den fast sieben Stunden bis Brno wäre zwar möglich, gute Laune aber ausgeschlossen. Zur Freude meines Magens tauchten Koch und Kellner in Dresden dann aber doch noch auf, und die aufkommende heitere Stimmung wurde auch nicht durch die halbstündige Verspätung getrübt. Bei meiner Ankunft in Brno verfiel ich in sokratische Gedanken: Was zum Henker ist mit der Jugend von heute los? Im besten Fall wäre ihr Auftreten mit einem stattfindenden Cosplay-Festival zu entschuldigen gewesen – schlimmstenfalls war diese nach außen gestellte Sinnsuche aber tatsächlich schon Brnoer Alltag. Dass aber auch die Älteren hier nicht ganz rundliefen, sah ich am erstmals hier und auf tschechischem Boden stattfindenden Sudetendeutschentag. Der Fummel, der dort getragen wurde, war fernab jeder gesunden Psyche.

Weiter, schnellstmöglich weiter. Die Tram Nummer 1 brachte mich in die Nähe des Brněnská přehrada, einem Stausee vor den Toren der Stadt. Das Wetter entpuppte sich vor Ort einmal mehr gänzlich anders als prognostiziert: Der strahlend blaue Himmel wurde durch eine Wolkendecke versperrt. War es Glück, war es Zufall – beim Passieren einer Badestelle offenbarte sich eine kleine Wolkenlücke. Wolkenlücke ist Sonnenglück und Sonnenglück ist Badepflicht. Anschließend führte mich meine Wanderung nördlich durch den Přírodní park Podkomorské lesy. Größtenteils schlängelte sich bergauf und bergab ein asphaltierter Weg durch den Wald. Kurz vor meinem Ziel, den Sportplatz von Čebín, entdeckte ich eine kleine Waldbar am Wegesrand – eine Wasserquelle sprudelte aus dem Gestein, ein paar hinterlassene Becher warteten auf Füllung. Erfrischend und besser als jeder Schluck Berliner Rohrperle Geschmacksrichtung Kalk.

22. Mai 2026 | FC Kuřim B – TJ Sokol Popůvky | 4-0 | 8. Liga Tschechien

Zwei Minuten vor dem Anpfiff, also überpünktlich, stand ich nach fast 14 Kilometern am Tor zum Sportplatz. Die Befürchtungen meinerseits, ich könnte um mein Abendbrot gebracht werden, erwiesen sich schnell als völlig unbegründet.  Es war zwar nur Liga 8 und es fanden lediglich 77 Zuschauer den Weg zum Spiel der zweiten Mannschaft eines Vereins, der hier eigentlich auch nur Gast war, aber ich war in Tschechien. Und auf Tschechien ist Verlass. Die Rauchschwaden aus dem Räucherofen der kleinen Verkaufsbaracke verkündeten: Es war angerichtet. Zwei Bier, zwei Würste – wofür hat der Herrgott mir sonst zwei gesunde Hände gegeben? Das Spiel war die Generalprobe des Kreispokalfinalspiels, dass am Mittwoch der Folgewoche in Rosice stattfinden sollte.  Auf dem Platz duellierte sich der Kaffeesatz irgendwelcher Jugendakademien auf der einen Seite mit Fußballarbeitern aus Popuwek, wie die Sudetendeutschen wohl sagen würden. Die zweite Mannschaft des Viertligisten stach vor allem auch durch blondierte Haare und pinkbefußtes Hacke, Spitze, 1-2-3 hervor. Zwei Spieltage zuvor hatten sie sich ihre Saison bereits versaut – leisteten sie sich damals doch ihren einzigen Punktverlust. Hier stand heute nach 90 Spielminuten ihr 22.Sieg im 23. Spiel fest. Wenn es im Kreispokalfinale anders enden soll, müssen aus den Fußballarbeiter binnen einer Woche noch richtige Fußballmalocher werden.

Zurück am Hauptbahnhof in Brno erkannte ich, dass sich dann doch nicht alles geändert hat; die üblichen Verdächtigen lungerten hier herum – für mich ging es noch am Abend über Bratislava weiter bis Nové Zámky. Eine sieben Stunden kurze Hotelnacht später stand ich fast quietschfidel schon wieder am Bahnsteig. Zu meiner diesmal großen Freude hat die Moderne um Nové Zámky keinen Bogen geschlagen. Statt Automaten-Warmwasser mit kaffeeartiger Farbe, gab es Barista-Handwerk im Bahnhofskiosk. Am Gleis standen abfahrtbereit zwei kleine Triebwagen – für Kenner und Liebhaber: Ferkeltaxis. Das erste von ihnen war verschlossen – im zweiten fand ich meinen Platz und rumpelte behaglich durch das goldene Morgenlicht, vorbei an Wiesen und Feldern aus denen ab und an ein Reh lugte. Für diese Atmosphäre war der Schaffner weniger empfänglich. Flink und zielgerichtet, beinahe schon besessen, schoss er mit seinem Handscanner auf QR- und Barcodes, beinahe so, als ob er einen Highscore jagen würde.

In Úľany nad Žitavou musste ich umsteigen. Schon ein Weilchen zuvor blickte ich immer wieder etwas unruhig auf mein Handydisplay – der Fahrplan sah hier nur vier Minuten Umsteigezeit vor – in good old Nemecko wäre dies die Sollbruchstelle gewesen und hätte spontanes Um- und Neuplanen erfordert. Beim Aussteigen erkannte ich dann die Aufgabe bislang verschlossenen Ferkeltaxis. Dieses wurde abgekoppelt und war nun mein Zug in Richtung Zlaté Moravce. Um den frühsommerlichen Tag optimal zu nutzen, stieg ich bereits eine Station vor meinem eigentlichen Ziel aus dem Zug. Von Tesárske Mlyňany wanderte ich größtenteils am Ufer der Žitava auf Pfaden, die durch die liegengebliebener Pollenpracht wie schneebedeckt erschienen, die sieben Kilometer bis zum städtischen Stadion von Zlaté Moravce. Im Hintergrund der postsozialistischen Stadtsilhouette türmten sich die Berge des Tribeč-Gebirges sowie meines baldigen Ziels, dem Pohronský Inovec, auf.

23. Mai 2026 | FC ViOn Zlaté Moravce-Vráble – MFK Skalica | 1-3 | 2. Liga U19 Slowakei

Lang war es her, dass ich zwischen 2004 und 2008 so eine Art Allesfahrer des FC ViOn gewesen bin, besuchte ich doch in diesen fünf Jahren drei Spiele der Blau-Roten und war seit nun fast zwei Jahrzehnten blank. Aber alte Liebe rostet nicht und der Verein sammelte auch direkt wieder Pluspunkte bei mir. Die Mannschaft ging früh in Führung und die Stadionkneipe mit Terrasse bot Frischgezapftes. Alles war gerichtet, einer neuen Liebelei stand nichts mehr im Wege. Bis auf die Gastmannschaft, die dann doch noch dreimal einnetzte. Ganz ehrlich: Verlierer mag keiner. Dovidenia Zlaté Moravce!

Da passte es ganz gut, dass ich das Stadion ohnehin zur 70. Minuten verlassen musste. An der Haltestelle vorm Stadion nahm mich ein Regionalbus für ein paar Cent mit – um die gesamte Wanderdistanz für heute realistisch zu halten, mussten ein paar Asphaltkilometer eingespart werden. Die anvisierten 20 Kilometer mit 600 Höhenmetern in maximal fünf Stunden waren ein sportliches Programm, keine Schnapsidee.

Der Weg zu meiner ersten Etappe, einem Ausflugslokal, führte mich leicht bergan durch einen Wald. Das Restaurant bot dann allerdings leider nicht mehr das Wildgericht, das mich ursprünglich angelockt hatte; satt und sitt wurde ich aber trotzdem. Nach der Speisung ging es auf unbefestigten Wegen und höherer Steigung weiter gen Gipfel. Mehr als nur einmal fragte ich mich in der Folge keuchend, ob das fettige Essen und das kalte Bier die richtige Grundlage gewesen sind. Vorbei an einer Wochenendhaussiedlung ging es tiefer in den Eichen- und Buchenwald. Und immer weiter bergauf. Der Schweiß lief, die Frisur saß, dich schon bald kündigten Schilder nicht nur den Gipfel Veľký Inovec auf 901 Metern, sondern auch eine Hütte an.

Die Hütte und ihre zotteligen Betreiber waren Relikte der 70er Jahre. Schon mit dem ersten Atemzug inhalierte ich die Räuchergeschichte der letzten 50 Jahre. In der Küche brutzelten irgendetwas und die Aromen ließen keinen Zweifel aufkommen, dass meine Mittagsentscheidung zuvor beim Ausflugslokal doch richtig gewesen war. Was aber selbst der schlimmste Muff nicht befallen kann, ist eine Bierflasche. Also sorgte ich hier doch noch für ein paar Euro Umsatz und hielt mein Gipfelbier in der Hand. Was noch fehlte war der Gipfel. Die letzten Höhenmeter verdienten zwar die Bezeichnung alpin der Blick war aber ein kleiner Reinfall – obenstehend blickte ich in Büsche und Baumkronen. Aber wenigstens der Blick auf mein Bier tröstete mich.

Nachdem ich kurz die Kehle erfrischt hatte, ging es für mich auf der östlichen Seite des Gipfels wieder hinunter. Der Wald führte mich auf Wiesen, die mich wieder in den Wald führten. Allerorten fand das Frühlingskonzert der Natur statt. Es zwitscherte und summte, es zirpte und brummte. Dass das Brummen aber möglicherweise nicht bloß von den Bienen, Wespen und Hummeln stammte, erfuhr ich hinter dem Dorf Bukovina, als mich mein Weg zur nächsten Etappe nach Nová Baňa in ein letztes Waldstück führen sollte. Frohen Mutes und bester Laune fast schon am Ziel zu sein, versperrte mir plötzlich eine Schranke den Weg und ein Schild wies darauf hin, dass hier Bären wohnten und das Betreten des Gebiets nicht nur auf eigene Gefahr erfolgte, sondern auch gefährlich war. Da die anvisierte Anstoßzeit fix war, konnte ich nur an meiner Strecke etwas ändern. Die Waldpassage wurde nicht gestrichen, aber etwas abgekürzt. Ich habe Leonardo DiCaprio mit einem Bären kämpfen und siegen sehen; das traute ich mir im Fall der Fälle genauso zu. Also Augen zu und durch. Wobei, ganz ehrlich gesagt, meine Augen nie offener als in den folgenden Minuten gewesen sind. Jede Bewegung links und rechts des Weges wurden im Augenwinkel gescannt und im Kopf zu einem möglichen Bärenangriff verarbeitet. Schreckmomente gab es viele, aber die niedergeschriebenen Zeilen beweisen es: Ich traf keinen Bären.

Oder ich habe einen bezwungen.  

In Nová Baňa ankommen, hieß nicht, in Nová Baňa am Stadion anzukommen. Zwar wohnen nur knapp 7.000 Menschen in diesem Städtchen, aber von einer kompakten Siedlungsfläche kann nicht gesprochen werden. Lang statt dick war hier die Devise. Zweieinhalb Kilometer waren es vom Ortseingang bis zum Stadion, weiter zweieinhalb Kilometer danach bis zur Pension. Am nächsten Morgen standen mir dann über fünf Kilometer Fußweg bis zum Bahnhof bevor.

23. Mai 2026 | MFK Nová Baňa – TJ Jednota Málinec | 8-0 | 5. Liga Slowakei

Fast drei Prozent der Stadtbevölkerung waren zum Spiel erschienen. Ob die 60 Freibier – von denen ich immerhin zwei ergattern konnte –, der bevorstehende Aufstieg in die 4. Liga oder doch mein durchgeschwitztes Wandershirt, das, wie ich leicht angeekelt feststellte, doch schon erheblich nach meinen Wanderanstrengungen roch, auschlaggebend für ihren Besuch waren, kann ich nicht abschließend klären. Möglicherweise war es aber auch die Mannschaft, die heute für große Unterhaltung und Freude sorgte; acht Buden müssen erst einmal gemacht werden. Trotz des Sieges betrug der Vorsprung zum zweitplatzierten FK Brezno weiterhin nur fünf Punkte bei noch drei ausstehenden Spielen – die 5. Liga in der Zentralslowakei blieb also spannend.

Meine reservierte Pension führte den Namen Tajch – was sogar ohne Slowakisch-Kenntnisse kinderleicht zu übersetzen ist. Und als sich der Teich am Tajch sogar als Badegewässer entpuppte, waren alle Strapazen und der Gestank des Tages vergessen.

Die Besitzerin der Pension war am nächsten Morgen so freundlich, mich zum Bahnhof zu fahren. Dabei erzählte sie mir, dass der Förster derzeit drei Bären in den Wäldern um Nová Baňa vermutet. Drei von den insgesamt etwa 1.200 Bären, die in der Slowakei leben. Ein paar Tage nach meinem Besuch appellierten die Stadtverwaltung und Försterei an die Bevölkerung, bei Betreten der Wälder unbedingt alle Vorsichtmaßnahmen einzuhalten. Wenn man nicht Leonardo DiCaprio ist. Oder TedStriker. Mit dem Zug fuhr ich nur zehn Minuten bis Žarnovica, dem Start- und Zielpunkt meines heutigen Weltrekordversuches: Ein lupenreiner Dreier im Groundhiking. Der Ansetzungsgott hatte sich großzügig gezeigt und um 10 Uhr, um 13 Uhr 30 und um 17 Uhr in drei verschiedenen Orten Spiele im Angebot. Die Grounds lagen acht, achteinhalb und zehn Kilometer auseinander; zusätzlich stellten sich mir 600 Höhenmeter in den Weg.

Die ersten Kilometer waren war weder romantisch noch instagramable. Mein erstes Etappenziel Bzenica war nicht unbedingt über Wanderwege zu erreichen, so dass ich zunächst entlang einer Fernverkehrszubringerstraße entlangwandern musste. Plötzlich bot sich mir an einer etwas zugewachsenen Einfahrt die Möglichkeit, auf die parallel verlaufenden Eisenbahnstrecke zu stoßen und dort neben beziehungsweise auf den Gleisen zu laufen. Allerdings trennten sich Gleise und mein Ziel alsbald voneinander und mein Weg drohte zu einem Umweg zu werden. Umwege waren bei der zeitlich engen Planung allerdings nicht vorgesehen. Durch dichte Brennnessel- und Brombeersträucher kämpfte ich mich fortan und hatte schon beinahe akzeptiert, dass heute dann eben doch der Umweg das Ziel sein wird, als ich endlich eine Lücke entdeckte, durch die ich schlüpfen konnte und vielleicht nicht zur Freude des Bauern, aber dafür zu meiner, über das zarte Grün eines frisch sprießenden Feldes stampfend die ursprünglich anvisierte Dorfstraße und nach 75 Minuten auch Bzenica erreichte.

24. Mai 2026 | TJ Tatran Bzenica – ŠK Slaská | 6-2 | 8. Liga Slowakei

Die Heimelf lief im 2009er Trikotsatz der AS Saint-Étienne auf. Vielleicht hatten sie diesen ja nach einem Gastspiel zur Sportplatzweihe zurückgelassen oder die Jerseys waren einmal günstig im Schlussverkauf zu haben, jedenfalls entsprachen sie nicht den Vereinsfarben – sahen dafür aber ganz schick aus. Zu Beginn der Parie grasten auf der Weide hinter dem Sportplatz mehr Kühe als Zuschauer anwesend waren; in der zweiten Hälfte verdoppelte sich die Zuschauerzahl dann immerhin noch auf 12.  Diese sahen nach dem klaren 5 zu 0 bis zur Pause in der zweiten Hälfte eine durchaus ausgeglichenere Partie.

Der Abpfiff des Spiels war zugleich der Anpfiff für mich. Es ging auf die zweite Etappe ins Štiavnické vrchy, den Schemnitzer Bergen, nach Vyhne. Der ehemalige Kurort bot nicht bloß einen Aquapark, die älteste noch in Betrieb stehende Brauerei der Slowakei (Steiger), sondern auch ein Steinmeer sowie den Sportplatz des ortsansässigen FK. Die letzten beiden Sehenswürdigkeiten waren mein Ziel und so kraxelte ich zunächst den Kreuzweg von Bzenica hoch und auf der anderen Seite wieder hinunter. Der Abstieg war teilweise mit Ketten gesichert; gut, dass es beim TJ Tatran zuvor kein Bier gab. Entlang des kleinen Flusses Vyhniansky potok und über blühende Frühlingswiesen, erreichte ich eine Kreuzung von der eigentlich ein Pfad in Richtung Kamenné more, dem größten Steinmeer im vulkanischen Teil der Karpaten, führen sollte. Und zum ersten Mal zeigte mir meine Karten-App einen Pfad, der selbst mit viel, mit ganz viel Wohlwollen nicht zu erkennen war. Viel eher offenbarte sich mir eine grüne Wand aus Brennnesseln. Also machte ich kehrt, ging ein paar Schritte zurück und fand einen anderen Zugang zum Steinmeer. Auf einem von schweren Waldmaschinen malträtiert und immer bergauf führenden Pfad näherte ich mich dem Gipfel Kamenná. Durchgeschwitzt zeigte sich mir dort angekommen das Steinmeer: Tausende massige Steine flankierten die Südseite des Berges bis hinunter zum Ort Vyhne. Auch den Sportplatz konnte ich von hier oben erspähen; die Spieler machten sich bereits warm, wobei dazu bei dieser Hitze auch einfaches Rumstehen genügte. Aber – das Kreuz kann nicht aus luftiger Höhe gesetzt werden; Anwesenheit auf dem Sportplatz ist erforderlich. Noch trennten mich über zwei Kilometer und 25 Minuten vom Anstoß. Also ließ ich fix die Grenzen zwischen Groundhiking und Groundtrailrunning verschwimmen, passierte den Aquapark und das Ressort-Hotels und betrat eine Minute vor Anpfiff den Sportplatz.

24. Mai 2026 | FK Vyhne – TJ Družstevník Pitelová  | 1-1 | 8. Liga Slowakei

Nach meiner Ankunft offenbarten sich mir zwei Probleme: Durst und Hunger. Der Durst konnte im Vereinsheim gestillt werden: ein halber Liter lauwarme Kofola gelang in zwei Schlucken in meinen Körper. Das kühle Steiger-Bier genoss ich etwas länger. Gegen meinen Hunger fand ich Jedoch keine Abhilfe. Die Slowaken und die Tschechen unterscheidet nicht nur ihre vermeintliche Frömmigkeit, sondern auch die Stadionverpflegung. Während beim großen Bruder im Westen auf fast jedem Sportplatz, egal wie gut oder schlecht besucht er ist, etwas qualmt und dampft, sind die Slowaken im Osten etwas pragmatischer unterwegs. Hier gilt die altbewährte Rechnung: Drei Bier sind ein Schnitzel. Und zum Nachtisch ein Schnaps. Normalerweise bin ich durchaus ein Vertreter dieser Schnitzeltheorie, aber angesichts der noch zu absolvierenden dritten Etappe brauchte ich jetzt doch etwas Handfesteres. Seit dem Frühstück hatte ich nur noch Flüssignahrung zu mir genommen. Vyhne verfügte zwar über Restaurants und ich verfügte über Geld – aber nicht über Zeit. Der Weltrekordversuch saß mir im Nacken. In den Tiefen meines Rucksacks fand ich glücklicherweise noch einen Corny-Riegel, der jetzt Vor- und Hauptspeise und auch den Nachtisch ersetzen musste. Die Heilige Dreifaltigkeit in drei Bissen genossen.

Und während ich noch von Knödeln, Gulasch süßen Piroggen träumte, war das Spiel auch schon vorbei. Der Schiedsrichter ließ bei der Hitze heute fünfe einmal gerade sein und verzichtete, ganz zu meinem Vorteil, auf die Nachspielzeit. Die Uhr zeigte 15 Uhr 15. Für die nächsten knapp zehn Kilo- und paar Höhenmeter blieben mir genau 105 Minuten. Die Königsetappe, das Meisterstück stand bevor. Hinaus aus Vyhne ging es zunächst auf einer schmalen Asphaltstraße, die roboterartiges Wandern ermöglichte. Hinter den letzten Häusern begann dann langsam der Anstieg in den Wald. Und Wald bedeutete auch hier: Bären. Angeblich. Zumindest warnte mich ein Schild. Doch, mmh, Moment…! Kurzer Positions-Check – lautes Fluchen. Ich war irgendwie, irgendwo, irgendwann falsch abgebogen. Aber zum Hadern hatte ich keine Zeit, jede Sekunde zählte. Also wieder zurück und raus aus dem Wald, quer über eine Lichtung und rein in den nächsten Wald. Erneut wies mich ein Schild auf den Herren des Waldes und die von ihm ausgehenden Gefahren hin. Aber nein, dafür hatte ich jetzt keine Zeit mehr. Lautes Pfeifen untermalt von lautem Keuchen – der Schotterweg hinauf zum Berggipfel hatte eine ganz ordentlich Steigung. Einen kurzen Blick auf die fantastische Aussicht über die Umgebung, die Berge, Wälder und das beschaulich im Tal liegende Vyhne gönnte ich mir aber doch; die paar Sekunden hatte ich über. Dann weiter. Ich passierte einen Bauernhof und schon aus der Entfernung schlug ein Hund an. Ob der schon mal mit Bären gekämpft hat? Auf einer Art von Podest thronte ein Zwinger, darin eine Unart von Schäferhund mit Daueraggressionen. Gut, die Gitterstäbe schienen zu halten, also setzte ich mein Schwiegermutter-Lächeln auf und ging weiter. Direkt in die Arme bzw. Klauen seines noch hässlicheren Bruders, der sich mir nicht weniger kläffend und aggressiv in den Weg stellte. Es war eine Mischung aus Bernhardiner und Dackel. Höchstwahrscheinlich bisher unentdeckt in der Züchterwelt. Okay, nun hieß es Imperator oder Untertan. Mit einer zackigen und klaren Handbewegung und festen Kommandosprache dirigierte ich die Töle dorthin zurück, wo sie herkam. Als ich ihn passierte, startete er seinen zweiten Versuch. Und ich errang meinen zweiten Erfolg.

Von nun an führte der Weg mich nur noch bergab durch den Wald. Wenn ich nun direkt nach Žarnovica marschiert wäre, hätte ich den Weltrekord so gut wie in der Tasche gehabt. Aber es gab noch etwas zu erledigen. Kurz vor dem Dorf Lukavica, wies die Karte die „Lukavický termálny prameň“ aus, eine Thermalquelle, die in den Genuss meines Körpers kommen sollte. Um Zeit zu sparen, hatte ich bereits beim letzten Spiel von Wander- auf Badehose gewechselt. Nach dem kurzen Bad im 35 Grad warmen Wasser wechselte ich die Klamotten schließlich komplett, denn das, was ich trug, hatte geruchlich arg gelitten und erinnerte fast schon an eine Berliner S-Bahn-Fahrt.

Nach dem feuchten Quickie kurzer Uhren – und Kartencheck: Nicht ganz dreieinhalb Kilometer und knapp 25 Minuten hatte ich noch vor mir. Ein Gefühl der Unmöglichkeit überkam mich. Der einzige Lichtblick waren die 190 Höhenmeter, die ausschließlich nach unten führten und die Tatsache, dass nur noch asphaltierter Weg auf mich wartete. Ich hatte nichts zu verlieren, also los. Für Außenstehende, so stellte ich es mir vor, sah ich sah nun aus wie ein olympischer Geher – nur anders. Immer an der Lukavica entlang, die sowohl Namensgeberin für Fluss und Dorf war, kündigten die letzten Häuser Lukavicas die ersten Häuser Žarnovica an. Ich traute mich kaum auf die Uhr zu schauen: 17 Uhr. Ob die Kirchenglocken läuteten, kann ich nicht mehr mit Gewissheit sagen, aber meine inneren Alarmglocken schrillten. Anstoßzeit und ich war noch nicht am Stadion. Der Weltrekordversuch war gescheitert. Und das bloß, weil ich nicht stinken wollte. Was für ein Reinfall. Die Prioritäten hatten sich völlig verschoben. Was sollte nun noch folgen? Bummle ich am nächsten Sonnabend durch Ikea? Leer, aber nicht langsamer hielt ich Kurs gen Süden und passierte den Stadioneingangsbereich mit einer Laune, die sich in etwa dort befand, wo mein Energielevel lag. Tief im Nullbereich.

Der Stadionvorplatz erschien mir überraschend leer. Auch zu hören war nichts. Die werden doch nicht etwa auf dem Nebenplatz spielen oder das Spiel gar abgesagt haben? Das hätte dem ganzen jetzt ja noch die Krone aufgesetzt. Frustriert stampfte ich den Stadionwall hoch, die Sicht weitete sich und ich mich traf der Schlag. Eines Bären. Ich sah ein paar Zuschauer auf der Gegentribüne, ich sah Fußballspieler, ich sah das Schiedsrichtergespann und ich sah das pure Glück! Spieler und Schiri liefen gerade erst auf das satte Grün. Der Anstoß war um fünf Minuten verschoben. Punktlandung.

24.Mai 2026 | FK Žarnovica – TJ Baník Štiavnické Bane | 1-3 | 7. Liga Slowakei

Äußerst spärlich waren die beiden großen Tribünen des Speedwaystadions gefüllt, aber wer konnte es den Bewohnern Žarnovicas auch verübeln: Hier spielte schwere Not und tiefes Elend. Und beides traf auf die Heimmannschaft zu. Ich kann auch gar nicht wirklich sagen, ob das Team wirklich miteinander spielte. Da liefen zwar zehn Gleichgekleidete, aber völlig ohne Konzept. Es schien, als ob am Bahnhof ein paar Gammler eingesammelt und ihnen dann gelb-rote Leibchen übergestreift wurden. Ein passender Kontrast zu diesem inmitten der Gebirgszüge liegenden wunderschönen Stadion. Und das perfekte Spiel für den erfolgreichen Weltrekordversuch. Das Sportjahr 2026 hatte nach dem Marathon-Weltrekord von Sabastian Sawe sein zweites Highlight! Gern geschehen.

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